PAINTING & DRAWING

Who's afraid of reading girls?

One portrait for every missing school girl.

 

Kerstin Karys aktuelle Portraitserie nimmt sich aus wie ein ganzer Ehrenhain. Ihre Serie widmet sich 110 nigerianischen Schulmädchen.

Von Boko Haram aus ihrem Leben verschleppt und ins Dasein einer bloßen Existenz gerissen, besteht diese Existenz für uns Europäer nur in einer dunklen Vorstellung vom "schwarzen Kontinent" und das heißt,

sie besteht gar nicht. Durch die Form der Serie versucht Kerstin Kary, sich selbst eine Dimension des Dramas zu vermitteln.

Die Portraits stellen darüberhinaus nicht die üblichen Phantombilder von Tätern dar, es handelt sich vielmehr um 110 Phantompotraits der Geiseln. Kary aber "entführt" die Mädchen wiederum aus ihrer Existenz als Phantome. Die zeichnerischen Konturen der Gesichter füllen Wesenszüge, Schattierungen, die uns eine hellere Vorstellung von Opfern vermitteln, die körperlich bedroht und dennoch als Verfügungsmasse entkörperlicht sind.

 

Auf eine subtile Weise leisten Kerstin Karys Portraits darüberhinaus

einen Beitrag zu der aktuellen MeToo-Debatte.

Zum einen war diesen 110 Mädchen nicht einmal mehr möglich "Me too"

zu sagen, zum anderen wurden sie zwar von Männern verschleppt und(sexuelle) Gewalt ist zunächst einmal eine Männerdomäne, dennoch deuten die Portraits nicht allein auf den männlichen Teil dieser Welt, sondern auf ihren ganzheitlichen Irrsinn.

 

Text: Henryk Gericke

girls will be girls

portrais of punk

(2017/18)

 

Girls will be Girls

zu den portraits of punk von Kerstin Kary

 

Mit dem Slogan Girls will be Girls hißt Kerstin Kary ihre Punk-Portraits wie Flaggen. Zugleich illustriert Karys Ausstellungstitel die gnädige Aussage, daß Jungs in allem was sie dürfen immer Jungs sein können, durch die herabsetzende Erfahrung, daß Mädchen in allem was sie fordern immer Mädchen sein müssen. Was für Boys typisch sein soll, z.B. sich als Musiker eine Bühne zu verschaffen, wird unter dem Mißgriff Untypical Girls in einer englischen Publikation als weibliches Pendant zum männlichen Vorbild gefeiert. Das Gütesiegel untypical ist ebenso fragwürdig wie das dümmliche Zertifikat von der "starken Frau", denn es setzt ihr schwaches Geschlecht voraus. Es setzt voraus, daß für Frauen das Typische nur in der Abweichung von der Norm zu beanspruchen ist. Und selbst dies ist nicht gewiß: Als die New York Dolls geschminkt und in Frauenkleidern den kalkulierten Skandal provozierten, hatte dieser natürlich Coolness-Potential. Die Frauen der Westberliner Postpunk-Band Mania D dagegen waren "Männerfotzen", als sie es wagten, in Herrenanzügen aufzutreten. Wenn Punk eine Revolution war, so fraß sie ihre Frauen. Das war jedoch nur möglich, weil Frauen überhaupt einen entscheidenden Anteil an der Punkrevolte hatten. Es gab keine Jugendbewegung, nicht davor und auch nicht sehr viel später, in der Mädchen und Frauen derart präsent waren und entfesselt durch eine Männerdomäne tobten. Bevor das Label riot grrrls dem Aufstand überhaupt einen Namen gab und die Band auch den Altar des Schmerzensmannes zur Bühne ihrer weiblichen Daseinsfreude erkor, enterten sogenannte Frontfrauen die Bretter, die die Männerwelt bedeuteten. Nun standen sie vor den Bands, nicht aber als backing vocals hinter den Stars. Auf typisch weibliche Art, daher auch radikal, traten sie in die eigenen Fußstapfen. Denn die Abdrücke der Männer waren ihnen nicht zu groß, sondern vermutlich zu ausgelatscht.

 

Kerstin Karys Malerei ist oft reiner Ausdruck ihrer Hingabe an die Musik. In ihrer aktuellen Bilderserie portraitiert sie Frauen des Punk. Setzt sie ihnen damit ein Denkmal? Wohl kaum. Der Dinge und Menschen gedenkt man erst dann, wenn sie Geschichte sind. Punk is dead, aber quicklebendig. Punkrock bleibt ein Synonym für Entgrenzung, Punk-Girls sprengten, neben den obligatorischen Grenzen, zudem auch noch den Rahmen der Geschlechter-Konvention. Daher sind Kerstin Karys Punk-Girls, egal in welchem Format, immer lebensgroß.

 

 

Text: Henryk Gericke

Fotos: Peer Kugler

 

 

Mixtape #1, Side B

Heartbreak

15 Songs on paper (2017)

 

 

 

Melilla (2014/15)

 

Nachtgestalten (2014)

Leaving Land (Kiribat/2014)

Mixtape #1 Side A

Love Songs

15 Songs on Paper (2014)