KERSTIN KARY

Who's afraid of reading girls?

 

One portrait

for every missing school girl.

Kerstin Karys aktuelle Portraitserie nimmt sich aus wie ein ganzer Ehrenhain. Ihre Serie widmet sich 110 nigerianischen Schulmädchen.

Von Boko Haram aus ihrem Leben verschleppt und ins Dasein einer bloßen Existenz gerissen, besteht diese Existenz für uns Europäer nur in einer dunklen Vorstellung vom "schwarzen Kontinent" und das heißt,

sie besteht gar nicht. Durch die Form der Serie versucht Kerstin Kary, sich selbst eine Dimension des Dramas zu vermitteln.

Die Portraits stellen darüberhinaus nicht die üblichen Phantombilder von Tätern dar, es handelt sich vielmehr um 110 Phantompotraits der Geiseln. Kary aber "entführt" die Mädchen wiederum aus ihrer Existenz als Phantome. Die zeichnerischen Konturen der Gesichter füllen Wesenszüge, Schattierungen, die uns eine hellere Vorstellung von Opfern vermitteln, die körperlich bedroht und dennoch als Verfügungsmasse entkörperlicht sind.

 

Auf eine subtile Weise leisten Kerstin Karys Portraits darüberhinaus einen Beitrag zu der aktuellen MeToo-Debatte.

Zum einen war diesen 110 Mädchen nicht einmal mehr möglich "Me too" zu sagen, zum anderen wurden sie zwar von Männern verschleppt und(sexuelle) Gewalt ist zunächst einmal eine Männerdomäne, dennoch deuten die Portraits nicht allein auf den männlichen Teil dieser Welt, sondern auf ihren ganzheitlichen Irrsinn.

 

Henryk Gericke